„Klimaschutz hat absolute Priorität“

Ralf Pfitzner, Leiter Konzern Nachhaltigkeit bei Volkswagen, über neue Strategien, regulativen Druck und soziales Engagement

Alles soll heute nachhaltiger werden – wir sollen nachhaltig denken, handeln und wirtschaften. Doch was genau bedeutet das? Die FS.NEXT-Redaktion fragte bei einem nach, der es wissen muss: Seit Anfang des Jahres verantwortet Ralf Pfitzner bei Volkswagen das Thema Nachhaltigkeit.

Was ist Ihre Definition von Nachhaltigkeit?

Für mich ist Nachhaltigkeit die Frage, wie wir Entscheidungen treffen. Im Kern geht es um drei Dimensionen: Mensch beziehungsweise Gesellschaft, Umwelt und wirtschaftlicher Erfolg. Diese Säulen müssen wir berücksichtigen und ausbalancieren. Bei einem Automobilkonzern wie Volkswagen ist die Umweltdimension natürlich sehr wichtig. Aber Nachhaltigkeit ist nicht nur grün. Uns interessieren auch Themen wie Menschenrechte in der Lieferkette oder gesellschaftliches Engagement. Und auch Mitarbeiterentwicklung und Wandel unserer Führungskultur sind relevante Themen.

Was hat Sie besonders an der Aufgabe bei Volkswagen gereizt?

Die ganze Branche steht am Beginn einer großen Transformation mit den Themen Elektrifizierung und Digitalisierung. Das ist hochspannend und bietet ein riesiges Potenzial, Nachhaltigkeit im Kerngeschäft zu verankern. Es hat mich gereizt, in ein Unternehmen zu gehen, das in einer schwierigen Phase ist – nicht ökonomisch, aber hinsichtlich der Reputation. In einem solchen Moment hat man einen großen Hebel, um Dinge zu bewegen und zu
verändern.

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Ralf Pfitzner, Leiter Konzern Nachhaltigkeit bei Volkswagen

Wo wollen Sie diesen Hebel ansetzen? Welche Schwerpunkte setzen Sie?

Wir müssen uns beim Thema Nachhaltigkeit strategischer ausrichten – weg von der reinen Berichterstattung hin zu Programmen und dem Kerngeschäft. Klimaschutz hat wirklich absolute Priorität, denn da haben wir den größten Handlungsbedarf. Zu Nachhaltigkeit gehört auch, Mitarbeiter dafür zu begeistern und neue Ideen ins Unternehmen zu tragen. Einen weiteren Schwerpunkt sehe ich bei der Mobilität in Städten. Wir haben das Potenzial, ein gefragter Partner von Städten für die Entwicklung von Mobilitätslösungen zu werden.

Was würden Sie noch stärker hervorheben?

Ein Thema, bei dem wir uns noch unter Wert verkaufen, ist eine umfassende Sicht darauf, welchen Beitrag wir über alle Marken hinweg für die Gesellschaft leisten. Individuelle Mobilität ist ein Bedürfnis, und das erfüllen wir. Natürlich gibt es auch Nachteile wie Emissionen und Ressourcenverbrauch – da müssen wir weiter unsere Hausaufgaben machen. Das, was wir tun, hat aber einen hohen gesellschaftlichen Wert und darüber wird bislang nicht viel geredet. Wir beschäftigen 640.000 Menschen, haben einen starken Regionalbezug, bilden tausende Menschen aus und qualifizieren sie. Weltweit haben wir über 400 tolle Projekte, in denen wir gesellschaftliches Engagement zeigen – vom Moorschutz, über die Förderung benachteiligter Jugendlicher, bis zur Flüchtlingshilfe. Das können wir sicher noch stärker fokussieren, um die Wirkung zu erhöhen.

Bei welchen Themenschwerpunkten sehen Sie die größten Herausforderungen?

Sicherlich beim Klimaschutz, den wir ganzheitlich angehen müssen – in der Lieferkette, bei der Produktion und den Fahrzeugen. Ab 2020 gilt der EU-Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Fahrzeugkilometer. Einerseits verkaufen wir Innovationen und es wird massiv im Bereich Emissionsreduktion investiert. Auf der anderen Seite gibt es aber ein Konsumentenverhalten, das dem zuwider läuft, wie die verstärkte Nachfrage nach SUVs (Erklärung der Redaktion: Sport Utility Vehicle). Die durchschnittlichen Co2-Emissionen der europäischen PKW-Neuwagenflotte des Volkswagen Konzerns sind nach Jahren erstmalig wieder gestiegen. Wir müssen deshalb im Bereich Nachhaltigkeit auch an Themen ran, die vermeintlich wehtun.

Welche meinen Sie?

Zum Beispiel unsere konzerninterne Flottenpolitik und unsere Dienstwagenregelung. Wenn wir es mit der Verantwortung für den Klimaschutz ernst meinen, dann müssen wir auch überlegen, die Auswahl der Dienstwagen für Geschäftsfahrzeugberechtigte auf emissionsarme Modelle zu beschränken
und Bonus-Malus-Regelungen einzuführen. Unsere Flottenkunden sind da schon viel weiter.

Da ist mit Gegenwind zu rechnen.

Mit Sicherheit. Aber wir müssen auch in diese Diskussion einsteigen. Dem Klima ist es nicht egal, was wir tun – und der regulative Druck wird immer größer. Der Verkehrssektor ist der einzige Sektor, dessen CO2-Emissionen seit 1990 deutlich gestiegen sind. Aber die gute Nachricht ist: Elektrisch fahren macht Spaß und ist emissionseffizienter. Mit der kommenden Generation der Fahrzeuge wird sich die Frage der Reichweiten gelöst haben. Dann haben wir auch keine Verzichtsdiskussion mehr.

Sie waren zuletzt Vice President Sustainability bei der Siemens AG. Was können wir von anderen Unternehmen lernen?

Mutig zu sein bei dem, was wir uns vornehmen. Das „Big Picture“ betrachten. Meine Erfahrung ist: Wenn man zu lange „klein, klein“ macht, dann verliert
man den Blick für das Ganze und für Potenziale. Nehmen wir folgendes Beispiel: Die Faustregel für die Amortisationszeit bei Energieeffizienz-Investments beträgt maximal zwei Jahre. Wenn ich es nach zwei Jahren abschneide, lasse ich ein großes wirtschaftliches Potenzial für Einsparmaßnahmen liegen. Wir haben das bei Siemens geändert und gesagt: Alles, was sich innerhalb von fünf Jahren rechnet, soll gemacht werden. Manchmal muss man die Spielregeln ändern, um Aufmerksamkeit für ein Thema zu schaffen und Potenziale zu erschließen, die wirtschaftlich sinnvoll für das Unternehmen
sind.

Warum wird das Thema Nachhaltigkeit darüber hinaus immer wichtiger für Unternehmen?

Mir hat kürzlich jemand im Vertrieb gesagt: Früher haben die Leute mit gutem Gewissen Volkswagen gekauft, heute kaufen sie mit schlechtem Gewissen
Volkswagen. Aber das geht nicht ewig gut, denn wir verkaufen nicht nur tolle Autos, sondern auch Vertrauen. Dafür müssen wir glaubwürdig, transparent
und offen agieren. Ein weiterer Punkt: Auch große Flottenkunden haben im Regelfall eigene, ambitionierte CO2-Ziele. Was können wir ihnen also an
innovativen Lösungen bieten? Und dann gibt es noch Stakeholder wie Nichtregierungsorganisationen, Anforderungen aus dem Kapitalmarkt und regulative Vorgaben, die uns treiben. Es gibt also viele gute Gründe, warum wir nachhaltiger werden müssen.

Welchen Beitrag können die Volkswagen Financial Services leisten?

Bei den digitalen Services und im Flottengeschäft gibt es viel Potenzial. Zum Beispiel eine grüne Tankkarte oder Geschäftsmodelle, Grünstrom für die
Kunden zu integrieren. Warum nicht im Bereich der fossilen Kraftstoffe eine Kompensation über glaubwürdige Klimaschutzprojekte anbieten? Denkbar ist auch die Ausgabe eines Green Bonds, einer grünen Anleihe. Das heißt, wir holen uns Geld am Kapitalmarkt für ein grünes Thema, was wir hochprofitabel intern in Energieeffizienz investieren. Das fände ich sehr spannend.

Was ist Ihnen beim Thema Nachhaltigkeit noch wichtig?

Nachhaltigkeit muss viel stärker Teil des Kerngeschäfts werden. In der Vergangenheit ist das Thema häufig nicht so behandelt worden. Und nicht zuletzt
kann nicht nur das Unternehmen, sondern auch jeder Mitarbeiter einen Beitrag leisten. Sei es über ehrenamtliches Engagement oder zum Beispiel über die Entscheidung für einen verbrauchsarmen Hybrid oder reinen Elektroantrieb.