Diversität leben

Marion Leffler, Betriebsrätin und Schwerbehindertenvertretung der Volkswagen Financial Services, im Interview

Schwerbehindert zu sein, bedeutet in erster Linie, außerhalb der Norm zu liegen. Aber was ist schon normal und wo verläuft hier die Grenze? Marion Leffler tritt seit über 20 Jahren für die Inklusion von Behinderten
ein. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was sich hinter dem Begriffsgespenst „Behinderung“ verbirgt und dass in der Schublade, die viele aufziehen, meistens nur die Berührungsangst sitzt. Im Gespräch erzählt sie vom Status Quo bei den Volkswagen Financial Services.

Frau Leffler, die Unsicherheit fängt häufig schon bei der Bezeichnung an: Spricht man von Schwerbehinderten? Beeinträchtigten? Menschen mit starkem Handicap?

Die amtliche Formulierung ist Menschen mit Behinderungen. Und die können physischer und psychischer Natur sein. Dabei wird sich am Grad der Behinderung orientiert – wird ein gewisser Wert erreicht, können Ansprüche auf Nachteilsausgleich geltend gemacht werden.

Was bedeutet das konkret?

Ab einem Grad der Behinderung von 50 gilt man als schwerbehindert. Dann greifen besondere Regeln, zum Beispiel beim Kündigungsschutz. Einige beantragen die Gleichstellung aber auch schon mit einem geringeren Grad. Dabei muss man immer bedenken, dass viele schwere Krankheiten von außen nicht sichtbar sind – trotzdem hat man mit schweren Einschränkungen zu kämpfen.

Wie viele beeinträchtigte Personen arbeiten bei den Volkswagen Financial Services?

Bei den VW FS und in der Bank sind circa 240 Behinderte und Gleichgestellte beschäftigt. Auffällig ist, dass die Zahl junger Menschen mit schweren Erkrankungen in den letzten Jahren zunimmt.

… das bedeutet für Ihre Arbeit sicherlich viel Vermittlungsarbeit zwischen Betroffenen und dem Unternehmen?

Richtig. 99 Prozent der Zeit bin ich in der Beratung tätig. Die meisten Mitarbeiter kommen hierfür direkt auf mich zu, gemeinsam klären wir dann im Gespräch den persönlichen Bedarf. Jeder Fall ist individuell, das macht es für mich so spannend und vielseitig – aber wir finden immer eine Lösung, gegebenenfalls zusammen mit Werkarzt und Personalwesen. Ich sehe mich gewissermaßen als Sprachrohr der Menschen, die gerade keine so laute Stimme haben und derzeit nicht für sich selbst eintreten können.

Wie kamen Sie dazu, sich für die Rechte dieser Personen stark zu machen?

In meinem Leben gab es eine Zeit, in der ich nicht wusste, ob und wie es gesundheitlich für mich weitergeht. Meine damalige Wiedereingliederung
in das Berufsleben hat mir gar nicht gefallen und ich wollte einfach versuchen, das zukünftig zu verändern.

Inwiefern ist Ihnen das gelungen?

Seit der Volkswagen Konzern die „Gemeinsame Erklärung zur Inklusion“ beschlossen hat, geht es sukzessive voran. Die Schwerbehindertenvertreter
des Konzerns bezeichnen die VW FS AG mittlerweile als Benchmark im Volkswagen Konzern. Arbeit fungiert häufig als Medizin. Das Gefühl,  wertschöpfende Arbeit zu leisten, ist für viele Kolleginnen und Kollegen enorm wichtig und ein wichtiger Baustein der Wiedereingliederung
in den Beruf und das gesellschaftliche Leben.

Was wünschen Sie sich hinsichtlich der Inklusion schwerbehinderter Mitarbeiter?

Mein größter Wunsch ist es, dass wir irgendwann nicht mehr über Inklusion reden müssen. Den Drang, alle Dinge zu klassifizieren, lehne ich ab. Es ist doch ganz normal, verschieden zu sein – diese Diversität sollte man stärker in
den Vordergrund stellen, anstatt sie in Normen
zu vereinheitlichen.