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25 Jahre Greenwheels:
Ein Auto teilen, statt besitzen

Vor 25 Jahren wurde Greenwheels in den Niederlanden gegründet. Mittlerweile ist das Carsharing-Unternehmen dort Marktführer und auch in Deutschland profitabel unterwegs. Aber worauf ist dieser Erfolg im hart umkämpften Carsharing-Markt zurückzuführen? Ein Überblick.

Studenten haben viel Zeit – ist doch logisch. Zumindest, wenn man bestehenden Klischees Glauben schenkt. Aus viel Zeit entstehen aber auch häufig die besten Ideen. Dass Gijs van Lookeren Campagne und Jan Borghuis, die Gründer von Greenwheels, Anfang der neunziger Jahre ihre Studienzeit gut genutzt haben, zeigt sich bis heute. Sie stellten sich die Frage: Was wäre eigentlich, wenn nicht jeder Mensch ein Auto besitzen, sondern sich die Nutzung und damit auch die Kosten mit anderen teilen würde? Denn schon damals war klar: Besonders in eng bebauten Städten beanspruchen Autos viel Platz und erzeugen hohe Fixkosten. Zwar war die Klimadebatte damals noch nicht so präsent wie heute und der Individualverkehr auf einem geringeren Niveau. Doch trotzdem hatten die Gründer ein Gespür für zukünftige Mobilitätsformen. Am 21. Juni 1995, also vor rund 25 Jahren, war es soweit und das erste Greenwheels-Fahrzeug stand zum Verleih auf den Straßen von Rotterdam. Heute ist das Unternehmen mit einer Flotte von 2.700 Fahrzeugen größter Carsharing-Anbieter in den Niederlanden. In Deutschland unterhält das Unternehmen eine Flotte von 900 Fahrzeugen. Gleichzeitig ist aus dem damals kleinen Nischengeschäft heutzutage eine weltweite Branche entstanden.

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Dr. Phillip Gronstedt ist seit Juli 2020 Geschäftsführer bei Greenwheels.

Dr. Phillip Gronstedt ist seit Juli 2020 Geschäftsführer bei Greenwheels. Für ihn zeichnet seinen neuen Arbeitgeber aus, „dass sich das Unternehmen im Laufe der vergangenen Jahre treu geblieben ist und immer ein kontinuierliches und organisches Wachstum angestrebt hat“. In der Tat: Seitdem Greenwheels als Joint Venture von Volkswagen Financial Services und PON, dem niederländischen Importeur des Volkswagen Konzern, geführt wird, hat sich das Unternehmen im Laufe der Jahre zu einem finanziell soliden Mittelständler mit einem positiven Geschäftsergebnis in einem Markt entwickelt, der in vielen Fällen von Verlustgeschäften und einem starken Verdrängungswettbewerb geprägt ist. So haben sich unter der Führung von Andrew Berkhout und Gronstedts Vorgänger Alexander Hinz der Umsatz und die Kundenanzahl in den letzten fünf Jahren verdoppelt.

Ausgeklügeltes Geschäftsmodell trifft auf gute Kooperationspartner

Neben der Nutzerkultur, besonders in den Niederlanden, beruht die nachhaltige Entwicklung von Greenwheels auch auf einer konsequenten Ausrichtung an den Kundenbedürfnissen und der Integration in die verkehrspolitischen Konzepte der Städte. Bei letzterem spielen drei wesentliche Kriterien eine Rolle. Erstens: Es muss ein urbanes Umfeld mit einer möglichst hohen Einwohnerdichte vorliegen. Zweitens: Der lokale ÖPNV-Anbieter sollte offen für eine Kooperation sein und ein gut ausgebautes Liniennetz vorweisen. Und drittens: Das Prinzip des „Auto Teilens“ sollte den Einwohnern schon vom Grundsatz her bekannt sein. „Besonders die Akzeptanz und das Wissen der Bevölkerung wie Carsharing funktioniert, ist essentiell“, betont Gronstedt, „wir verkaufen keine Milch, sondern ein weiterhin erklärungswürdiges Produkt.“

Greenwheels unterscheidet sich von anderen automobilherstellernahen Anbietern darin, dass die Autos standortbasiert sind und digital reserviert werden. Die verfügbaren Autos sind über reservierte Parkplätze in der Stadt verstreut. Dort wird das Auto abgeholt und wieder abgestellt. Die Nutzung setzt den vorherigen Abschluss eines Abonnements voraus. Es wird eine Kaution entrichtet, für die Nutzung wird bezahlt. Über App oder Website reserviert der Kunde das Auto an einem bestimmten Übernahmeort für einen gewählten Zeitraum.



Carsharing auf Basis von Free Floating und einem stationsbasierten System tragen nur den gleichen Namen, sind aber zwei völlig unterschiedliche Ansätze.

Dr. Phillip Gronstedt, Geschäftsführer bei Greenwheels

Greenwheels versteht sich grundsätzlich als Ergänzung zu Bus und Bahn und nicht als Konkurrenz dazu. Das stationäre Modell spielt genau für diesen Einsatzzweck seine Stärken aus und lässt sich optimal in den öffentlichen ÖPNV integrieren. Denn die Nutzer sind keine spontanen One-Way-Autofahrer, die schnell von A nach B kommen müssen. Dementsprechend sind die Tarife auf planbare Fahrten ausgerichtet, mit denen sich auch längere Familienbesuche vereinbaren lassen. Erst Rad, dann ÖPNV, dann Carsharing und wieder zurück – so kann eine idealtypische Nutzung aussehen. Free Floating-Modelle, bei denen das Auto irgendwo im Stadtgebiet wieder abgestellt werden kann, finden kaum Anklang unter den Greenwheels-Kunden. „Carsharing auf Basis von Free Floating und einem stationsbasierten System tragen nur den gleichen Namen in sich, sind aber im Grunde genommen zwei völlig unterschiedliche Ansätze“, erklärt Gronstedt. Generelles Ziel von Greenwheels sei es, Städte lebenswerter zu machen und dazu die Anzahl der Fahrzeuge in den Städten zu reduzieren. Das untermauere auch eine Befragung unter 800 Nutzern. Demnach ersetze ein stationäres Carsharing-Fahrzeug im Durchschnitt elf Eigentumsfahrzeuge. Aber nicht nur das. Auch das Platzproblem in den Städten lässt sich beheben. Zum Beispiel sparten die Greenwheels-Nutzer 224.000 m2 an städtischen Stellflächen ein – eine Fläche von rund 45 Fußballfeldern.

Ein Blick in die Zukunft

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Beim Corporate Carsharing sieht Greenwheels noch großes Potenzial.

Auch in der Zukunft wird sich Greenwheels seiner Wachstumsstrategie treu bleiben. In den Niederlanden will das Unternehmen seine starke Marktposition ausbauen und parallel den Anteil an Elektrofahrzeugen profitabel steigern. Und auch im Flottengeschäft mit gewerblichen Kunden soll es weiter vorangehen. Aktuell betreibt Greenwheels mit 900 Fahrzeugen bei 20 Kunden an 150 Standorten die größte Corporate Carsharing-Flotte in den Niederlanden. Gronstedt: „Wir sehen, dass viele Firmen die Auslastung ihrer Poolfahrzeuge verbessern wollen und diese gleichzeitig für die private Nutzung ihrer Mitarbeiter öffnen möchten. Hier ist noch großes Potenzial.“ In Deutschland liegt der Fokus hingegen auf ausgewählte Städten, um regional die Sichtbarkeit zu erhöhen und damit die Auslastung der Flotte zu optimieren. Dafür plant das Unternehmen in Berlin seine Präsenz weiter auszubauen. Dort ist Greenwheels bereits heute schon größter stationärer Carsharing-Anbieter. „Wir möchten in Deutschland noch enger mit Gleichgesinnten wie Verkehrsbetrieben, Wohnungsbaugesellschaften oder Mobilitätsanbietern wie Volkswagen WeShare zusammenarbeiten und deren ausgewählter Partner werden“, sagt Gronstedt. Ziel ist die Integration in so genannte Mobility-as-a-Service-Angebote. Im Rahmen dessen können Kunden den für sie besten Mobilitätsmix aus verschiedenen miteinander verzahnten Verkehrsträgern wählen. Fest steht: An Ideen für die Zukunft mangelt es nicht.

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