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Interview mit Tobias Henkel, CEO der Evangelischen Stiftung Neuerkerode

Volkswagen Financial Services und die Evangelische Stiftung Neuerkerode (ESN). Zwei Unternehmen, die seit Jahren eng miteinander verbunden sind. Informationsveranstaltungen, gemeinsame Events und konkrete Beratungs- und Hilfsangebote prägen diesen Zusammenschluss zwischen dem größten sozialen Arbeitgeber der Region und VWFS. Die Unternehmenskommunikation hat sich dazu mit Tobias Henkel, dem Vorstandsvorsitzenden der ESN, unterhalten.

Herr Henkel, geben Sie uns bitte deinen persönlichen Blick auf die Kooperation zwischen uns und der Evangelischen Stuftung Neuerkerode. Wie beurteilen Sie insbesondere, dass sich genau diese beiden Akteure zusammengefunden haben?

Henkel: Es ist spannend, dass sich hier zwei Unternehmen begegnen, die ganz viele Gemeinsamkeiten haben, so unterschiedlich sie auch sind. Einerseits eine evangelische Stiftung, die seit über 150 Jahren in der Region Verantwortung übernimmt für das, was wir heute Sozial- und Gesundheitswirtschaft nennen, also aus der Arbeit für Menschen mit Beeinträchtigungen. Aus diesem Ursprung hat sich mittlerweile eine komplexe Unternehmensgruppe entwickelt, die an vielen Stellen in dieser Gesellschaft wirksam wird. Das reicht von der Beratung von Menschen mit Suchterfahrung über Mutter-Kind-Kuren bis zur Arbeit im Krankenhaus Marienstift, wo wir von der Geburtshilfe bis zur palliativen Betreuung die unterschiedlichsten Lebenswege begleiten. Das alles macht die ESN aus. Auf der anderen Seite steht ein international tätiger Mobilitätsdienstleister, als Teil eines Großunternehmens, das diese Region und weit darüber hinaus prägt. Wir haben also eine alte Stiftung und ein weltweit agierendes Finanzunternehmen.

 

Tobias Henkel, CEO der Evangelischen stiftung neuerkerode

Was haben diese beiden so unterschiedlichen Player gemeinsam? 

Henkel: Gemeinsam haben sie, dass Menschen diese Einrichtungen prägen. Das ist bei uns und bei VWFS so. Wir passen deshalb so gut zusammen, weil ich das Gefühl habe - und das kann ich an allen Ecken und Enden unserer Zusammenarbeit sehen - dass diese Menschen im Mittelpunkt stehen. Daraus entsteht eine Stärke und eine Haltung, aus der am Ende unsere Dienstleistungen und Ihre Unternehmenswirklichkeit passiert. Plötzlich merkt man, wie Dinge, die vermeintlich so weit auseinanderliegen, doch so eng zusammengehören. 

Wie profitieren die beiden Seiten von dieser Kooperation? 

Henkel: Die große Bandbreite der Dienstleistungen, die wir erbringen, ist vielen in der Region gar nicht bekannt. Wir benötigen dafür Mittler, die diese große Bandbreite wahrnehmbarer machen. Es gibt viele Themen, die unangenehm und sensibel sind: Krankheit, Hilfsbedürftigkeit, Sucht, und viele mehr. Mit denen kann man nicht einfach so umgehen. Wenn es um so sensible private Fragestellungen geht, dann benötigt man andere Zugänge und eine andere Wahrnehmung von dem, was Gemeinsamkeiten sind.

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"Wir passen deshalb so gut zusammen, weil ich das Gefühl habe, dass die Menschen im Mittelpunkt stehen."
Tobias Henkel, CEO der Evangelischen Stiftung Neuerkerode
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Was fällt Ihnen besonders positiv auf? 

Henkel: Wir haben schon in den letzten Jahren viel gemeinsam zusammen gemacht. Interessant ist, dass die Verbindungen inzwischen weit über das eigentliche Projekt oder Event hinaus gehen. Ich sehe Mitarbeitende der FSAG, die sich völlig unabhängig voneinander bei gemeinsamen Aktionen bei uns im Dorf in Neuerkerode aufhalten. Es haben sich über Jahre hinweg echte Beziehungen zu unseren Bürgerinnen und Bürgern entwickelt. Und ich finde, etwas Schöneres kann es gar nicht geben, als der Beweis, dass man Menschen zusammengebracht hat und das auch Bestand hat.

Wenn Sie über die Braunschweiger Region hinausschauen, was denken Sie du grundsätzlich über Kooperationen zwischen der Sozial- und der Privatwirtschaft. Die Sache an sich ist ja nicht neu, hat aber vielleicht noch Potential? 

Henkel: Wer über die letzten 80 Jahre hinweg die Bundesrepublik begleitet hat, der wird eine wunderbare Wohlstandsgeschichte erzählen können. Wir lernen dabei erst noch, diese Wachstumsfrage ganz anders zu betrachten. Wir stehen in der Gesellschaft vor der Herausforderung, die sozialen Errungenschaften dieses Land zu verteidigen. Und zwar nicht, weil die Verteidigung dieses Landes plötzlich eine größere Bedeutung bekommen hat und viel Geld benötigt, genauso wie unsere Infrastruktur. Wir werden vielmehr die sozialen Errungenschaften in diesem Land, die Teil der Wohlstandsentwicklung gewesen sind, verteidigen müssen.  Wir lernen zurzeit, dass Selbstverständlichkeiten keine mehr sind und wir genau definieren müssen, wo wir neue Prioritäten setzen. Und das können wir in der Gesellschaft nur gemeinsam tun; alle Akteure müssen zusammenarbeiten und miteinander sprechen. Und ja, wir werden auch verzichten lernen müssen. Ich nenne das „bewussten Verzicht“. So etwas ist natürlich nicht populär, ich weiß.

Täuscht der Eindruck, dass das Soziale in Deutschland zu oft als reiner Kostenfaktor gesehen wird und eben nicht als zusammenhaltendes Element?

Henkel: Wir müssen unseren eigenen Blick auf das Soziale schärfen. Nehmen wir die Gesundheitsreform. Reform bedeutet immer „sparen“, was wahrscheinlich auch notwendig ist, aber kein Selbstzweck sein darf. Es stellt sich die Frage, wie man das intelligent macht, denn gleichzeitig steht neben dem intelligenten Sparen eine Erwartungshaltung unserer Gesellschaft. Niemand möchte in der Notaufnahme eines Krankenhauses 20 Stunden warten oder Monate auf einen Facharzt-Termin. Es gibt die berechtigte Erwartungshaltung, dass es für einen Hilfebedarf Institutionen gibt, die diesem Hilfebedarf begegnen. All das ist selbstverständlich. Aber wir lernen momentan, dass diese Selbstverständlichkeit bröckelt und dass sich dadurch die Erwartungshaltung an Lebensqualität wandelt. Das heißt nicht zwingend, dass es uns schlechter gehen muss. Aber wir müssen manche Dinge auf dem Prüfstand stellen, und zwar so, dass das Wichtige und Gute erhalten bleibt. Veränderungen sind unausweichlich. Verzicht vermutlich auch.

 

tobias henkel, ceo der evanglischen stiftung neuerkerode

Und wenn wir das als Gesellschaft nicht schaffen?

Henkel: Wenn wir als Gesellschaft nicht die richtigen Antworten auf die Veränderungen finden, dann sind die Folgen Wasser auf die Mühlen der Extremisten, und zwar links wie rechts. Es gibt in diesem System keine einfachen Antworten. So groß unsere Sehnsucht danach auch ist. Leider werden oft diejenigen, die glauben, einfache Antworten zu haben, bevorzugt wahrgenommen. Im Gegensatz zu denjenigen, die auf die Komplexität und Vielschichtigkeit von Lösungen hinweisen. Die noch ausstehenden Landtagswahlen in diesem Jahr werden es weiter deutlich machen, vor welchen Herausforderungen sich die etablierten Parteien, also die demokratische Mitte dieses Landes, befinden. 

Veränderungen betreffen auch die VWFS und ihre Mitarbeitenden. Transformation, Digitalisierung, die wachsende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz - all das verlangt ein hohes Maß an Flexibilität und ist anspruchsvoll.

Henkel: Richtig, das ist natürlich komplex und überhaupt nicht einfach. Und wir erleben ja an vielen Stellen, dass Veränderung nicht gern gesehen ist und dass manche auch Angst vor Veränderung haben. Unsere Aufgabe ist es jetzt, gemeinsam als Akteure in dieser Gesellschaft dafür zu sorgen, dass die richtigen Ziele definiert sind und dass wir dann auch bereit sind, die richtigen Instrumente einzusetzen, um diese Ziele zu erreichen. Ich könnte mir vorstellen, dass dies bei der VWFS in ähnlicher Form auch gilt. 

Themenwechsel. Veränderung in der Gesellschaft heißt auch, sich mit einem veränderten Arbeitsmarkt auseinanderzusetzen. Das dürfte auch für den Chef eines Unternehmens mit 3.000 Mitarbeitenden gelten, oder?

Henkel: Im Augenblick ist die größte Herausforderung in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft die Personalfrage. Neben der Tatsache, dass eine adäquate Finanzierung der Leistungen erfolgen muss, stellt sich für uns die Frage: „Wie begeistern wir Menschen noch dafür, in einem wirklich anspruchsvollen Umfeld zu arbeiten?“ Wer in der Pflege und Betreuung arbeitet, wer in der Behinderten- und Altenhilfe tätig ist, wer im Krankenhaus arbeitet, der steht vor großen Herausforderungen. Hier hat auch ein Wandel der Arbeitswelt stattgefunden, der zur Arbeitsverdichtung geführt hat. Insbesondere im wirklich unbeliebten, aber essenziellen Schichtdienst. Wir wollen deutlich machen, dass es sehr wohl wert ist, in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft seine Zukunft zu finden. Dass dies ein erfüllender Beruf ist, weil man für Menschen da ist und eine große Verantwortung für diese Menschen übernimmt. Man wird gebraucht! Wer das tut, entwickelt eine einzigartige, intrinsisch motivierte Beziehung zu seinem Beruf. Nicht überraschend ist es daher beispielsweise, dass in Pflegeberufen die Krankheitsquoten deutlich geringer als der Durchschnitt ausfallen.

Was tut die ESN konkret, um diese Menschen für den Sozialberuf zu begeistern?

Henkel: Bitte nicht falsch verstehen, ich kann das Argument „ich möchte meine Kinder aufwachsen sehen und mein Berufsleben soll mich nicht auffressen“ gut verstehen. Schichtdienst, vor allem nachts, ist anstrengend und eine Herausforderung für die Familie. Und dennoch erlebe ich Kolleginnen und Kollegen, die mit Leidenschaft ihren Beruf ausüben. Ich erlebe allerdings auch solche, die daran zerbrechen. Aber die, die es mit Leidenschaft machen, die bewundere ich. Wir als sozialer Arbeitgeber müssen letztlich dafür sorgen, dass die für uns wichtigen Berufsfelder, so attraktiv wie möglich sind und natürlich eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen. Darauf legen wir ganz viel Wert als Unternehmen. Und auch hier sind wir meiner Meinung nach wieder als Sozialgesellschaft gefordert: Wenn wir es nicht schaffen, die Attraktivität dieser Berufe herzustellen und auszubauen, dann haben wir ein Problem damit, dass unsere Erwartungshaltung, die wir an diese Systeme haben, komplett unterlaufen werden. Dann haben wir nämlich niemanden mehr, der unsere Eltern im Alter pflegt, sich um Kranke oder Menschen mit Beeinträchtigungen kümmert. 

 

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"Wir brauchen wieder so etwas wie Lagerfeuergespräche."
Tobias Henkel, CEO der Evangelischen Stiftung Neuerkerode
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Gibt es etwas, was die dennoch hoffnungsfroh stimmt?

Henkel: Ja, denn es gibt Lösungen. Diese Gesellschaft hat – immer, wenn es Herausforderungen gegeben hat – Wege und Lösungen gefunden. Denken wir nur an die großen Sozialreformen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die wir im Übrigen nicht nur unserer eigenen Leistung zu verdanken haben, sondern auch der Tatsache, dass andere Länder ein Deutschland haben wollten, dem es gut geht. Und diese Wahrnehmung, die sollte uns Maßstab für Denken und Handeln für die Zukunft sein. Verantwortung ist das Stichwort. Für uns und unsere Demokratie ist es eine schwierige Situation - zugegeben. Ich beneide daher niemanden in der Politik, dafür in dieser Zeit, in der keine Segnungen mehr verteilt werden können, sondern in der es um substanzielle Fragen geht, Verantwortung zu übernehmen.

Für gute Lösungen muss man diskutieren, auch streiten wollen…

Henkel: Wir brauchen wieder so etwas wie Lagerfeuer-Gespräche. Am Abendbrottisch, im Sportverein, im Büro, im Freundeskreis, mit den Eltern. Aber wer macht das denn wirklich? Wer unterhält sich dort wirklich über den russischen Angriffskrieg, über Migration, die Rente etc.? Ich glaube, es tun zu wenige. Und zwar weil sie sich vielleicht nicht trauen oder weil sie gegebenenfalls nicht informiert genug sind. Durch Nichtinformationen entstehen aus meiner Sicht diese teilweise extremen Positionen, in denen der Konsens, der Kompromiss immer unwichtiger wird. Dann darf man sich über die Wahlergebnisse der jüngsten Zeit nicht wundern. 

Du plädierst also für eine besseren Austausch, mehr Interesse am Gegenüber, mehr Partizipation an Gesellschaft, am Gemeinwohl?

Henkel: Ganz genau. Die Kooperation zwischen der ESN und VWFS wird getragen durch Menschen und ihr Interesse an anderen Menschen. Wie sonst kann gesellschaftliche Wirklichkeit erlebt werden. Es gibt in diesem Land sehr viele soziale Sicherungssysteme, die Menschen auffangen. Dennoch passiert es, dass sich manche Menschen nicht selbst helfen können und in Parallelgesellschaften leben. Diese Kooperation zwischen der ESN und VWFS zeigt mir ganz deutlich, dass es eben doch Menschen gibt, die wollen, dass sich diese Parallelen wieder berühren. Solche Allianzen wie zwischen uns sind so ungemein wichtig, weil sie den Blick weiten und Menschen eben Menschen wahrnehmen lassen! Dafür bin ich sehr dankbar.

Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch!

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