Ein Gespräch mit Dr. Claudia Conen, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL), über 60 Jahre Volkswagen Leasing, die Bedeutung der Branche für den Mittelstand und die Zukunft des Leasings.
Frau Conen, die Volkswagen Leasing feiert ihr 60-jähriges Jubiläum. Welche Bedeutung hatte die Gründung des Unternehmens für die Entwicklung des deutschen Leasingmarktes?
Man muss sich erst einmal vor Augen führen, dass Leasing in Deutschland damals noch eine sehr junge Finanzierungsform war. Die Idee kam aus den USA, wo Carl Hahn [Anm. der Redaktion: Carl Hahn war von 1982-1993 Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG und wurde 1958 Leiter der Volkswagen Group of America] das Auto-Leasing kennengelernt hatte und dessen Potenzial erkannte. Während Leasing in den USA bereits etabliert war, galt es zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders zunächst eher als Finanzierungslösung für Unternehmen mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten. Spätestens in den 1980er Jahren kam dann der Durchbruch für das Auto-Leasing in Deutschland. Damit hat Volkswagen Leasing einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, Leasing in Deutschland salonfähig zu machen.
Hat diese Entwicklung auch die Verbreitung von Leasing in anderen Wirtschaftsbereichen beeinflusst?
Davon bin ich überzeugt. Wenn sich eine gute Lösung im Markt durchsetzt, lässt sich diese auch auf andere Produkte und Gütergruppen übertragen. Das Auto-Leasing war gewissermaßen eine Blaupause für andere Investitionsgüter. Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren wurden beispielsweise Großrechner und EDV-Systeme sowie Investitionen in moderne Satz- und Druckvorstufentechnik über Leasing finanziert. Das Grundprinzip blieb dabei stets gleich: Unternehmen konnten moderne Technologien nutzen, ohne hohe Anschaffungskosten auf einmal tragen zu müssen. Leasing hat somit nicht nur Investitionen erleichtert, sondern auch dazu beigetragen, neue Technologien schneller in die Märkte und in die betriebliche Praxis zu bringen. Diese Funktion als Türöffner für technologischen Fortschritt hat wesentlich zur breiten Etablierung des Leasings als Investitionsinstrument beigetragen.
Welche Rolle spielt Leasing speziell für den deutschen Mittelstand?
Der Mittelstand ist das Rückgrat der Leasingbranche und umgekehrt. Die Leasingbranche ist stark mittelständisch geprägt. Gleichzeitig werden mehr als 90 Prozent aller Leasingverträge mit mittelständischen Unternehmen geschlossen. Dieses gegenseitige Verständnis erleichtert auch den Austausch und die Kommunikation auf Augenhöhe. Leasing ermöglicht den Unternehmen, in moderne Technologien zu investieren, ohne große Kapitalbeträge binden oder zusätzliche Kredite aufnehmen zu müssen. Dadurch bleiben sie finanziell flexibel. Im Rahmen einer aktuellen BDL-Studie haben übrigens 77 Prozent der befragten Unternehmen angegeben, dass Leasing ihnen dabei hilft, wettbewerbsfähig zu bleiben.
Was hat Sie am meisten an der Leasingbranche überrascht?
Als ich vor sechs Jahren zum BDL gekommen bin, hat mich vor allem die Vielfalt der Branche überrascht. In unserem Verband sind rund 140 Leasinggesellschaften organisiert – von kleinen, spezialisierten Nischenanbietern bis hin zu internationalen Unternehmen. Mit den bankennahen, herstellergebundenen und unabhängigen Leasinggesellschaften spiegelt die Branche den deutschen Mittelstand sehr gut wider. Besonders spannend finde ich aber auch die Vielfalt der Leasingobjekte. Viele Menschen verbinden Leasing zunächst mit dem Auto. Tatsächlich reicht das Spektrum viel weiter: von Autos, Maschinen und Medizintechnik über IT- und Kommunikationstechnik sowie Ladeinfrastruktur bis hin zu Eismaschinen und dem Riesenrad auf der Kirmes.
Sie stehen regelmäßig im Austausch mit der Politik. Welche Missverständnisse begegnen Ihnen dabei am häufigsten?
In der Vergangenheit wurde Leasing lediglich als Alternative zum Bankkredit verstanden. Tatsächlich ist Leasing deutlich mehr. Leasinggesellschaften verfügen über eine hohe Objektkompetenz, kennen die jeweiligen Märkte und beraten ihre Kunden bei der Investition. Dadurch können sie häufig Projekte ermöglichen, bei denen klassische Finanzierer aufgrund fehlender Branchen- oder Objektkenntnisse zurückhaltender sind. Leasing verbindet deshalb Realwirtschaft und Finanzwirtschaft auf besondere Weise.
Ein weiterer wichtiger Punkt: In einer Leasingrate stecken weit mehr Leistungen als nur Zins und Tilgung. Leasinggesellschaften übernehmen beispielsweise Risiken rund um die Wertentwicklung der Objekte und bieten zusätzliche Services und Dienstleistungen an. Deshalb verstehen wir Leasing nicht als Kreditersatz, sondern als Teil einer langfristigen Investitionspartnerschaft.
Auch Privatkunden entscheiden sich immer häufiger für Leasing. Woran liegt das?
Die Erwartungen der Kunden haben sich verändert. Früher stand die Finanzierung eines Fahrzeugs im Mittelpunkt. Heute spielen Flexibilität, Service, digitale Prozesse und Planbarkeit eine deutlich größere Rolle. Kunden möchten moderne Fahrzeuge nutzen, ihre monatlichen Kosten kennen und möglichst wenig Aufwand mit Wartung oder Verwaltung haben.
Zudem tritt der klassische Eigentumsgedanke zunehmend in den Hintergrund. Viele Menschen möchten ein Fahrzeug nutzen, das zu ihrer jeweiligen Lebenssituation passt, statt sich über viele Jahre an ein bestimmtes Modell zu binden. Auch das stärkt die Attraktivität des Leasings.
Welche Bedeutung haben Captive-Gesellschaften wie Volkswagen Leasing für das Ökosystem der Mobilität?
Captive-Gesellschaften sind ein zentraler Bestandteil des Marktes. Rund 60 Prozent des mobilen Neugeschäfts werden über Hersteller und Handel vermittelt. Das ist der größte Vertriebsweg für die Branche. Für Hersteller sind Captives ein strategisches Instrument, um Fahrzeuge und neue Technologien in den Markt zu bringen und Kunden zu loyalisieren.
Kunden erhalten ein Rundum-Sorglos-Paket aus Fahrzeug, Finanzierung, Versicherung, Wartung und weiteren Services. Für den Leasingmarkt insgesamt sind Captives wichtige Innovationstreiber. Unternehmen wie die Volkswagen Leasing verfügen über jahrzehntelange Erfahrung, ein tiefes Marktverständnis und eine hohe Kompetenz im Mobilitätsumfeld.
Wichtig ist mir als Verbandsvertreterin der Blick auf den Gesamtmarkt. Neben den Captives prägen bankennahe und unabhängige Anbieter das Bild. Genau diese Mischung macht den deutschen Markt stark. Unterschiedliche Kunden brauchen unterschiedliche Partner.
Welche Trends werden die Leasingbranche in den kommenden zehn Jahren prägen?
Da sehe ich vier große Themen: Neue Technologien, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, neue Nutzungsmodelle sowie Digitalisierung. Die Innovationszyklen werden immer kürzer. Unternehmen benötigen Zugang zu neuen Technologien, wollen sich aber nicht langfristig binden. Leasing bietet hierfür ideale Voraussetzungen. Gleichzeitig gewinnen Themen wie Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft weiter an Bedeutung. Leasing denkt traditionell bereits in Lebenszyklen von Produkten und kann deshalb einen wichtigen Beitrag zu nachhaltigem Wirtschaften leisten.
Hinzu kommen neue Modelle wie Pay-per-Use oder Asset-as-a-Service. Die Entwicklung weg vom Eigentum hin zur Nutzung wird sich weiter fortsetzen. Parallel dazu wird die Digitalisierung die Branche tiefgreifend verändern, von digitalen Vertragsprozessen über datenbasierte Risikomodelle bis hin zum Einsatz künstlicher Intelligenz in Kundenprozessen.
Was wünschen Sie Volkswagen Leasing zum 60-jährigen Jubiläum?
Ich wünsche Volkswagen Leasing und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Innovationskraft, Mut zur Veränderung und unternehmerische Weitsicht. Vor allem wünsche ich dem Unternehmen die Fähigkeit, neue Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und daraus Lösungen zu entwickeln, die Kunden und Unternehmen gleichermaßen voranbringen.
Frau Conen, vielen Dank für das Gespräch!